Von Riesenkrügen, Zuhältern, Eisenbiegern und dem Informationsministerium

Den gestrigen Tag wollte ich einfach nur noch aus meinem Gedächtnis löschen. Wie geht das am besten? Genau, in dem man sich ein Zimmer in Vang Vieng sucht, dem „Ballermann“ von Südostasien. Vang Vieng hat mich schwer an Friedrichshain und die Simon-Dach-Straße erinnert. Eine Bar an der Anderen und viele betrunkene Touristen. Einzig die marodierenden „Ich heirate bald“-Gruppen, die an jedem Wochenende in Berlin ihr Unwesen treiben, waren nicht vertreten.

Aber der Reihe nach. In der letzten Woche habe ich einen Schlenker durch den Nordosten von Laos gedreht. Auf dem Weg nach Phonsavan habe ich eine Bikerin und zwei Biker aus Deutschland getroffen. Sie waren in der Gegenrichtung unterwegs, lagen allerdings mit einem Benzinpumpenschaden am BMW-Gespann fest. Die Benzinpumpe ist bei BMW (wie auch bei KTM) direkt im Tank verbaut.

Da ist wirklich Bastelstunde angesagt, um an dieses Teil heranzukommen. Ich konnte wenigstens mit einer 10A-Sicherung einen kleinen Beitrag leisten. Sie hatten bereits alle Ersatzsicherungen bei ihren Reparaturversuchen verbraucht. Mehr als ein kurzer Smaltalk war also nicht drin und ich hatte eh noch reichlich Kilometer bis Phonsavan vor mir. Ich dachte mir nur : „Hoffentlich bleibt mir diese Schrauberei noch eine Weile oder sogar ganz erspart.“ Dass ich schon bald mit dreckverschmierten Händen in einer „Werkstatt“ stehen sollte, wusste ich ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Aber zurück zum Thema. Neben wunderschönen Landschaften gab es auch die „Plains of Jars“ bei Phonsavan zu bestaunen. Diese riesigen, aus Felssteinen gehauenen Krüge, stehen in dieser Gegend, in großer Ansammlung, in der Landschaft herum. Das Alter konnte mittlerweile auf ca. 200 v.u.Z. bestimmt werden. Nur über den Zweck der Gefäße wird noch gerätselt. Lediglich drei von über 70 solcher „Felder der Krüge“ können z.Z. besichtigt werden. Laos hat in dieser, und den angrenzenden Provinzen immer noch große Probleme mit Blindgängern und Mienen aus dem Vietnamkrieg. Mithilfe der UNESCO wurden eben diese drei Felder von Sprengkörpern befreit – allerdings nur auf den markierten Wegen. Neben der Wegmarkierung haben auch die reichlich vorhandenen Bombenkrater immer wieder das Bewusstsein geschärft, auf welchem Gelände man hier herumläuft. Als Zugabe waren diese drei Felder über herrliche Lehmpisten mit hohem Spaßfaktor miteinander verbunden. Leider ist nach so einer Offroad-Passage immer die nervige Kettenpflege angesagt.

 

 

Gestern sollte es dann nach Luang Prabang weiter gehen. 9 Uhr war Abfahrt, nur ein kurzer Stopp um Bargeld zu ziehen und weiter. Es wurde ein längerer Aufenthalt. Ich stellte also den Bock längst zur Straße hinter einem Minibus, direkt neben dem Geldautomaten ab. Während ich mich mit der Cash-Maschine auseinandersetze, hörte ich es hinter mir laut krachen. Als ich mich umdrehte, sah ich Teammitglied Nr.1 hilflos auf der Seite liegen, meinen Helm über die Straße kullern und diesen verdammten Minibus rückwärts ausparken.

Ich bin sofort hingesprungen und habe die Fahrerin gestellt. Sie war im Begriff loszufahren und hat anscheinend überhaupt nichts gemerkt. Danach Helm einsammeln, Visa-Card und Geld aus dem Automaten nehmen und erst mal die Lage peilen. Mit der Hilfe eines Passanten wurde die KTM wieder aufgerichtet. Und dann sah ich den Schaden. Den Seitenständer hat es komplett abgeknickt. Verdammt! Für die Nichtmotorradfahrer: Ohne Seitenständer ist ein Auf- und Absteigen sehr schwierig. Die KTM hat betankt und beladen ein Gewicht von ca. 260 Kg. Diese Fuhre stehend in Balance zu halten und mal eben auf- oder absteigen ist fast nicht drin.

Also erst mal auf den Hauptständer wuchten und den Gesamtschaden begutachten. Kratzer am Alukoffer, am linken Tank, am Handprotektor, am Helm, einen abgeknickten Seitenständer und eine Verursacherin, die grinsend dastand. Wo bitte ist mein Valium? Die Kratzer konnte ich mit Mühe ertragen, es werden sicherlich nicht die Letzten sein, auf dieser Reise.

Aber dieses Grinsen und der Seitenständer … Auf der anderen Straßenseite war, ganz praktisch, eine Polizeistation. Also bin ich rüber und habe einen Uniformierten gebeten, die Sache aufzunehmen. Innerhalb kürzester Zeit war auch eine Gruppe Schaulustiger anwesend. Und es lief wirklich wie im schlechten Film ab. Ich habe dem Officer etwas auf Englisch gesagt und er hat es für die Gruppe bzw. die Verursacherin übersetzt. Wenn ich etwas sagte, waren alle ruhig und haben auf die Übersetzung gewartet, um dann in eine wild gestikulierende Diskussion überzugehen. Um das Grinsen der Dame etwas zu zügeln, habe ich von ihr erst mal 3.000.000,- Kip gefordert (ca.300,-€). Das Grinsen war weg. Das ist doch ganz einfach. Wer „KATI“ flachlegt, muss zahlen! Bin ich jetzt eigentlich ein Zuhälter? Na ja, jedenfalls ging es Ewigkeiten hin und her und irgendwann haben wir uns auf einen Betrag in der Mitte geeinigt. Geht doch! Unglaublich, dass der Officer keine Anstalten gemacht hat, diesen Vorfall aufzunehmen. Er war wirklich nur Dolmetscher. Die Ärmste der Armen habe ich jetzt wohl auch nicht ins Unglück gestürzt. Wer in Laos Minibus fährt und die Zeche auch noch in Dollar zahlt, ist nicht arm.

Mein akutes Problem, der Seitenständer, musste nun gelöst werden. Ein abgeknicktes Rohr zurückbiegen? Aussichtslos, wenn es nicht sofort bricht, hält es aber auch nicht mehr das Gewicht vom Motorrad. Ich bin erst mal im Schritttempo losgetuckert um eine Werkstatt, oder irgendjemanden mit einem Schweißbrenner zu finden. Und die Erste, wirklich abgewrackte Bude, die sich finden ließ, war zudem ein Glücksgriff. Er muss der Vater aller laotischen Eisenbieger sein.

Erst mit dem Schweißbrenner erhitzt und vorsichtig zurechtgebogen, wurde der Knick im Rohr danach mit Hammer und Amboss herausgeschmiedet. Mehrfaches Probieren, hier noch etwas am Anschlag anschweißen, dort noch etwas weg und schon stand sie wieder auf dem Seitenständer. Irgendwie nicht so wie früher aber gangbar. Sogar mit schwarzem Lack wurde das Werkstück noch behandelt. Er war sehr zufrieden über die Bezahlung und ich über das Ergebnis. Klasse! 🙂

Völlig fertig von dem Stress bin ich direkt nach Vang Vieng gefahren. Keine Kultur mit Tempeln in Luang Prabang, sondern abschalten und vergessen am „Ballermann“. 


Und was ist nun mit dem Informationsministerium? Ganz einfach. So wie man in Thailand nie in der Nähe einer Schule schlafen sollte, es sei denn man steht auf Morgenappelle, sollte man in Laos nie gegenüber vom besagten Ministerium campieren. Ab 6:30Uhr wird über große Lautsprecher, die an einem hohen Mast befestigt sind, die Maxime des Tages in die Stadt geplärrt. Es hört sich jedenfalls sehr kämpferisch an. Wobei da so eine „Guter Cop, böser Cop“-Masche laufen muss. SIE hört sich beruhigend aber sachlich an. ER dagegen schreit richtig rum und hat so einen hässlichen Befehlston. Ganz großes Hörspielkino – für meinen Geschmack nur etwas zu früh.

Lehren des Monats:

  1. Besorg dir nie ein Guesthouse vor Schulen oder dem Informations-ministerium.
  2. Gehe zu Fuß zum Geldautomaten.
  3. Parke nie hinter irgendwelchen Mini-Bussen.
  4. Urlaub ist schön!

In diesem Sinne…

Icke

9 Gedanken zu „Von Riesenkrügen, Zuhältern, Eisenbiegern und dem Informationsministerium

  1. Ja feiner Bericht!,

    gut dass dir der Profi (wozu braucht der den eine Schutzbrille?!) dir jetzt den Ständer repariert hat. Jetzt wirst Du kein Zuhälter mehr – schließlich musst du die Kati nun nicht mehr halten…

    Wie hat die stachlige Ratte geschmeckt? Hühnchen?

    PS: Wird das jetzt auch zensiert?! 🙂

  2. Oh, das tut uns aber leid für das Team – Mitglied Nr.1. Wir hoffen Sie hat den Schmerz und den Schock gut überstanden.

    Super auch auf den Bildern endlich mal ein Wildes Tier…..wenn auch tot 🙂
    Genieße den Urlaub weiter und schwitze recht ordentlich, wir bibbern bei minus 16 Grad.

    Viele Grüße Katrin und Thilo

  3. Yo Frank,
    ich gehe einfach mal davon aus, dass Du die Zukunft des örtlichen Reparaturschlossers mit den 150€ maßgeblich beeinflusst und gesichert hast. Die Expertise des Eisenbiegers wundert mich keinen Meter. Man sollte die hohe Kunst der Improvisation nicht unterschätzen. Eine Gabe, die in unserer Welt leider zunehmend verloren geht. Jetzt mal von Sourcecodeimprovisationen – wo sogar bei uns noch Improvisation vorkommt – abgesehen. Leider hat es sich ja bei uns an vielen Stellen zu einer „Ständer kaputt? Ständer weg > Ständer neu“ Verhaltensweise entwickelt. Da geht die Kunst vom Eisenbieger schleichend (in der Dekandenz) verloren. Mein persönliches Erlebnis dieser Art war nachts gegen 02:30 bei -40°C in Sibirien, wo ich live mit bestaunen durfte wie ein in einem Eisblock vollkommen eingefrorener Luftfilter eines Ladas mit einer Standard Wolldecke ersetzt wurde. Motorhaube zugeknallt und weiter gehts. Das war die Rettung vor dem sicheren Erfrierungstod. Hut ab vor den Meistern der Improvisation. Unsere Karren äußern sich in solchen Situationen ja eher mit einem abwertenden „Suchen Sie die Werkstatt auf! (bevor Sie etwas kaputt machen)“… Okay, ich merke, dass der Kaffee reinknallt und mache jetzt Schluß, bevor das noch zum Sibirien-Blog wird. Solong – goon – GJ

  4. Lieber Onkel,
    Ich glaube ich werde auch mal Motorradschrauber!
    Die „Ordnung“ beherrsche ich schon!

    Viele Grüße dein Theo.

  5. In Tansania meinte die Polizei mal zu mir „Wir sind ein armes Land, da darf man mal besch…“. Ende war, dass meine nette und höfliche Art fast in einer Zelle endete…

    Weiterhin viel Erfolg mit den Behörden.
    Wolfgang

    1. Die Duc ist geil! Aber glaube mir, da wirst du wohl öfter mit Töchterchen vor der Kiste hocken. Ich kann einen Kontakt zu einem Leidensgenossen herstellen – falls du mal jemanden zum Reden brauchst. 😉

      1. Die Duc wurde in Italien gefertigt, d.h., geiles Design, ein Sound mit Gänsehaut Feeling (eingetragene 96dB mit Standard Tüten, mit den Carbon Teilen wird es nochmal geringfügig getoppt) und ein Image das seines gleichen sucht. Leider heißt es auch das Temperaturen unter 10 Grad oder Stadtverkehr einfach nix für sie ist, ganz zu schweigen von Inspektionen die fast soviel kosten wie ein neues Motorrad ;).

        Aber die Emotionen rund um so eine Kiste lassen einen doch recht schnell blind für’s Praktische werden. Lustig wird es in Kombination mit Axel dessen VTR (https://picasaweb.google.com/100573248752856478700/Rennstrecke201102#5642521719475509586) einen ähnlich infernalischen Sound entwickeln kann ;).

        Gruß Thomas

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