Der große Irrtum

Der Tag begann sehr schön, mit einem guten Kaffee und einem Obstteller auf einer Terrasse am Mekong (4000 Inseln). Es war Samstag, und ich wollte früh aufbrechen um genügend Zeit für die Grenzformalitäten und meine Fahrt nach Ban Lung zuhaben. Eins stand von vornherein fest. An einem Samstag die Grenze zwischen Laos und Kambodscha zu überqueren bedeutet, dass die Beamten die großen Schmiergeldtransportkoffer dabei haben. Am Wochenende wird nicht nur eine, sondern alle beide Hände aufgehalten. Stichwort: Overtime!

Die Laoten haben mich überrascht und mir eine Quittung für die 2 US$ Overtime-Fee ausgehändigt. Für einen Ausreisestempel! Aber genau genommen ja keine Korruption. Das Dokument vom Motorrad musste ich ein paar Kilometer vor der Grenze beim Zoll abgeben. Dafür war nicht einmal absteigen notwendig. Alles in allem war ich nach 2 Minuten aus Laos raus. Dann also Kambodscha (Platz 164 von 182 auf dem Korruptionsindex). Der Erste, der mich mit seinen klebrigen Geldfingern in die Arme schließen wollte, war der Quarantäne-Officer. Ich musste bestätigen, dass ich keine ansteckenden Krankheiten hatte, ich wurde mit so einer Infrarot-Pistole auf Fieber überprüft und Teammitglied Nr. 1 wurden die Reifen desinfiziert! 2 US$ waren dafür natürlich fällig. Hier konnte ich noch standhaft dagegen halten. Ohne Quittung gibt es kein Geld! Irgendwann hat er sich weggedreht und ich hab das als „Guten Tag und guten Weg“ gedeutet. Das Visum kostete auf einmal 25 US$ und nicht mehr 20 US$. Tja, da lässt sich schlecht diskutieren. Ich brauche es, und das wissen sie. Danach zum Zoll und die KTM einchecken. Überraschung! In Kambodscha wird das „Carnet de Passages“ akzeptiert, was die Abfertigung deutlich vereinfacht. Und als der Zöllner mit seinem beiden Stempeln fertig war? Natürlich 2 US$, es waren ja auch 2 Stempel. Da ich mein Carnet abgestempelt in der Hand hielt, war es einfacher zu diskutieren, und der arme Beamte ging leer aus. Die letzten Führsorgeempfänger warteten am Schlagbaum auf mich. Hier musste das Visum noch einmal abgestempelt werden. Wenn du deinen Pass aus der Hand gibst, gibt es nichts zu verhandeln. Also noch einmal 2 US$ und dann war der Schlagbaum offen. Alles in allem überwog die Freude darüber, alles so schnell geregelt zuhaben, den faden Beigeschmack der offensichtlichen Korruption.

Apropos Freude – das war dann auch lange Zeit der letzte Grund zur Freude. Geplant war eine Route über Nebenstraßen in den Nordosten. Die ersten 60 Km auf Lehmpiste mit unklarer Qualität, dann eine Fähre über einen Fluss, danach 100 Km so etwas wie eine Landstraße – die Straße hatte jedenfalls die Nummer „301“ und war richtig dick in der Karte abgebildet. Wieder eine Fähre und dann 50 Km Highway nach Ban Lung und dort direkt in den saubersten See (Vulkankrater) von ganz Kambodscha springen und den Sonnenuntergang genießen.

8h später saß, ich bei Einbruch der Dunkelheit, völlig verschwitz und verdreckt, total am Ende, mit einer Dose „Angkor Premium Beer“ vor meinem Hotel und starrte apathisch auf die KTM. Wo verdammt war Landstraße „301“? Als positiv denkender Mensch ist die Bilanz des Tages sogar ausgeglichen.

Positiv:

  • 5x KTM ohne Hilfe und mit vollem Gepäck aus dem Dreck wieder aufgerichtet.
  • Erste erfolgreiche Flussquerung.

Negativ:

  • Mein Offroad-Fahrkönnen ist stark ausbaufähig.
  • Meine Kambodschakarte ist Vollschrott.

Liebe Kambodschaner, Straßen werden erst in Karten eingezeichnet, wenn sie gebaut sind, oder sie werden wenigstens als geplant markiert. Das ist keine Karte, das ist eine Vision, wie das Straßennetz vielleicht in 20 Jahren aussehen soll. Das Teil kommt übrigens direkt aus Kambodscha. Mit einer 50 Jahre alten französischen Militärkarte wäre ich wohl besser gefahren.

Was war eigentlich los? Die ersten 60 Km Lehm waren hervorragend. Eine superpräparierte Piste.  Nach weniger als einer Stunde stand ich am Fluss und habe in dem kleinen Dorf nach der Fähre Ausschau gehalten.

Nichts. Na ja nicht ganz. Wenn zwei, mit Brettern zusammengenagelte, Einbäume eine Fähre sind, dann war schon eine da. Hier hätte ich das erste Mal auf meinen Bauch hören sollen. Keine KFZ-Fähre, wenn doch drüben direkt eine Landstraße am Fluss enden soll? Egal! Rauf auf das Floß und „Fährmann setz über!“. Spätestens nach Peilen der Lage auf der anderen Seite, hätte ich sofort umdrehen müssen. Nach rechts, links und geradeaus konnte man so etwas wie einen Pfad im Dickicht verschwinden sehen. Aber eine Straße oder Piste? Der Fährmann sagte geradeaus ist der richtige weg. Also dann.

Das war kein Weg, das waren schmale verkrustetet Lehmfurchen, gefüllt mit Sand bzw. Lehmstaub. Aber so hoch, dass andauernd das Vorderrad in dem Puder aufschwamm und völlig unkontrolliert ausbrach. Die Fuhre war kaum zuhalten. Anfangs dachte ich ja noch, dass es bald besser werden wird. Aber irgendwann stand fest, hier ist noch nie ein Auto entlanggefahren – höchstens Panzer, Traktoren oder Zweiräder. Die Furchen waren stellenweise so tief und schmal, dass die Alukisten aufgesetzt haben und das Hinterrad in der Luft hing. Toll! Aber wie ich feststellen musste, halten die Teile noch vielmehr aus! Und die Landschaft? Die verbreitete Endzeitstimmung. Viel durch Brände verkohlte Flächen. Hier und da mal ein Baum. Und die Hitze wurde immer unerträglicher.
Nach 1,5h kam ich in so etwas wie ein Dorf. 5 Häuser. In einem konnten Getränke erstanden werden. Der Weg führte hier steil bergab um eine Kurve. Und auf einmal kamen 15 Enduros den Hang hoch gefeuert. Die Cambodian-Rowdies? Nee, 15 Typen aus Schweden, UK und Australien, soweit ich feststellen konnte. Sie waren auf einer geführten Enduro-Tour durch Kambodscha. Mit drei kambodschanischen Guides, ohne Gepäck und leichten Vollenduros. Das waren Profis! Die Hälfte von denen ist den Hang nur auf dem Hinterrad hochgehämmert. Ich wunderte mich nur, warum die Karren in dieser Hitze so nass waren? Nach einem kurzen Schnack war klar, meine erste Flussquerung stand dann heute auch noch auf dem Programm.

 Ich bin erst mal den Hang runtergelaufen, um das Hindernis zu checken. Ein Teil der Gruppe lag noch im Fluss und hat in voller Montur gebadet. Natürlich nicht mit Moped. Aber bei 40 Grad von oben, keine schlechte Idee. Na ja, also erst mal, ganz nach Lehrbuch, den Fluss durchwatet und nach Hindernissen und Untiefen Ausschau gehalten. Hindernisse gab es keine. Die tiefste Stelle war knietief, nur der Untergrund war sehr schlammig. Verdammt, und ganz schön breit – mit einer Sandbank in der Mitte. Hätte das nicht auch einwenig kleiner gehen können? Den Jungs im Wasser habe ich dann erzählt, dass es meine erste Flussquerung überhaupt ist. Daraufhin meinten sie, kein Problem: „Wir halten dir die Hand.“ Hä? Praktisch sah das dann so aus, dass die ganze Truppe zusammengetrommelt wurde und sich in einer Reihe in den Fluss gestellt hat. So wurde mir die Ideallinie markiert und im Falle eines Falles hätten sie auch noch zupacken können.  Echte Profis! Ich war sehr dankbar und hab mich unter lauten Anfeuerungen ohne Probleme durch den Fluss gegraben.

Die nächsten 4h durch die Einsamkeit kann ich kaum beschreiben. Verbrannte bzw. noch brennende Wälder, keine Menschenseele weit und breit, brutale Hitze und kein fahrbarer Weg. An Gabelungen konnte ich mich nur am Kompass orientieren. Irgendwie nach Osten. Den anvisierten Fluss, auf dessen anderer Seite ein Highway sein sollte, konnte ich somit nicht verfehlen, der Rest war egal. Auf dieser Etappe habe ich Teammitglied Nr.1 dann 5 x auf die Seite gelegt. Teils aus Unerfahrenheit und teils aus Konzentrationsmangel aufgrund zunehmender Erschöpfung. Passiert ist weder Pferd noch Reiter etwas. Bis auf ein paar Schrammen an der KTM und dem eigenen Ego. Irgendwie hatte das was von einem Marathonlauf. Bloß nicht hinterfragen, warum man das hier gerade tut. Nicht fragen weit es noch ist. Nur weiter, weiter, weiter.

Irgendwann habe ich den Fluss erreicht und bin mit der nächsten zusammengezimmerten Einbaum-Bretterfähre übergesetzt.

Der Highway entpuppte sich natürlich als Lehmpiste. Dafür aber in einem ordentlich Zustand. Mehr hatte ich auch nicht erwartet. In der kambodschanischen Wirklichkeit war ich schon vor Stunden angekommen. Eine Stunde später hatte ich ein Hotel in Ban Lung und das Revitalisierungsprogramm konnte beginnen. Man, man, man. Ich habe mir für die nächsten Tage erst einmal nur sogenannte Highways auferlegt. Viele Fotos gibt es leider auch nicht. Wenn die Karre auf der Seite liegt, denkst du nicht ans Fotoalbum. Ich habe mich allerdings etwas geärgert, dass ich meine Kamera nicht einem meiner Helfer im Fluss in die handgedrückt habe. Egal…

Ride on!
icke

3 Gedanken zu „Der große Irrtum

  1. Viele Grüße von der Skipistenfraktion aus Schladmingen. Wir sind heute von eisigen Schneewinden von der Piste geweht worden, direkt in die Schafalm. Nun haben wir gerade mit Dir gelitten. Laß Dich von den Lehmpisten und Flüssen nicht fertigmachen!!!
    Auch machen wir uns große Sorgen um Oliver. Wo(the Fuck) ist Oliver?
    Liebe Grüße von Huddel,Kathrin,Örni, Katrin und Thilo

  2. Wieder einmal senden wir liebe Grüße aus der Heimat. Wir sind stolz auf dich, dass du diese Schwierigkeiten gemeistert hast. Wünschen dir wieder einmal eine Asphaltpiste oder kannst du auf solcher garnicht mehr fahren? Na, in Kambodscha wird es wohl noch so manche Überraschung geben. Lass den Kopf nicht hängen, erhole dich von diesen Strapazen, vielleicht findest du mal für paar Tage ein Hotel mit Pool und hübschen Masseusen.
    LG Carla und Klaus.

  3. Hi Frank Glad you made it to Banlung ,I’m Rob one of the guys who helped you through your first water crossing !! Your bike looked huge compared to our XR’s . It was good to meet you for even that short time and see you living the dream. Cambodia is a beautiful country with very challenging forest roads so you did well on death highway to make it without incident !!! Good luck all the best Rob

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