Unterwegs auf dem Karakorum-Highway

In Pakistan angekommen, habe ich erst einmal drei Tage Station in dem 9 Mio. Städtchen Lahore gemacht. Ich wollte mich mit dem Land vertraut machen, über das es in den heimischen Medien so gut wie keine positiven Nachrichten gibt. „Reisen ist der Tod für Vorurteile.“ Irgendwo habe ich dieses Zitat einmal gelesen. Ich weiß weder, ob ich es richtig wiedergegeben habe, noch von wem es stammt. Ich bin nicht schwer vorurteilsbeladen nach Pakistan gekommen, aber frei von Selbigen war ich definitiv auch nicht.

Und nun treffe ich hier nur offene, freundliche Menschen, die sich ehrlich darüber freuen, dass man ihr Land besucht. Und dies nicht nur in Lahore, sondern ausnahmslos in allen von mir bisher besuchten Regionen. Grenzbeamte, die zum Tee einladen, Autofahrer, die einfach mal anhalten ein „Welcome in Pakistan!“ rufen, den Daumen heben und weiterfahren und natürlich die vielen winkenden Kinder am Straßenrand. So, genug Lanzen gebrochen. Es ist natürlich nicht alles schön. Pakistan ist ein sehr armes Land und hat zudem immer wieder Probleme mit der inneren Sicherheit. Die seit Jahren sich verschärfende Energiekrise macht die Situation nicht besser. Ich dachte bisher, Nepal hat ein Problem mit der Stromversorgung. Nun weiß ich es besser. Der Strom kommt und geht nach dem Zufallsprinzip. Ich habe in Dörfern übernachtet, in denen mir keiner sagen konnte, wann das letzte Mal Strom aus der Leitung kam. Nun aber zum Reisebericht.

In Lahore bin ich eigentlich nur über die großen Basare gebummelt und habe alles auf mich wirken lassen. Es gibt ein riesiges Fort, was definitiv mein Letztes war, was ich auf dieser Reise besucht habe. Irgendwie ähneln sie sich doch alle. Obwohl Lahore sehr groß ist, empfand ich die Stadt als sehr entspannend und irgendwie war es ein gutes Warm-up für das Land. Nach Lahore stand der Karakorum-Highway (KKH) auf dem Programm. Durch das Indus- und Hunza-Tal führt die Strecke, als ein Teil der alten Seidenstraße, direkt durch das Karakorum Gebirge, die Ausläufer des Hindukusch streifend, bis zur chinesischen Grenze und findet ihren Höhepunkt mit dem 4733 m hohen Kunjerab-Pass. Obwohl ich nun nicht durch China nach Kirgisistan reise, wollte ich mir diese Strecke nicht entgehen lassen.

Die erste Etappe ist allerdings unspektakulär. Sie führt durch flache, staubige Gegenden und der Verkehr ist noch recht dicht. In Abbottabad hatte ich eine sehr seltsame Begegnung mit der örtlichen Polizei. Mitten im Ort versuchte mich ein Typ auf einem Mofa, gekleidet in Zivil, zu stoppen. Damit hatte er so einige Mühe, da ich nicht sonderlich gewillt war. Irgendwann war es mir zu anstrengend und habe seinen Bemühungen nachgegeben. Nun wollte er auch noch meinen Pass sehen, was ich strikt ablehnte, bevor er sich nicht als Polizist ausweisen könnte. Der zutage geförderte Ausweis machte auf mich eher den Eindruck eines selbst gemalten Kantinenausweises. Das Bild stammte auch aus früheren Jahren und passte so überhaupt nicht. Keine Chance – entweder er ruft nun die „richtige“ Polizei, um was auch immer mit mir zu klären, oder ich fahre weiter. 10 Minuten später saß ich im Polizeirevier und habe mit dem Polizeichef und seinem Stellvertreter in entspannter Atmosphäre Tee getrunken und über meine Reise gesprochen. Um es aber kurz zu machen, einige Teile des KKH (Besham-Chilas) sind für Ausländer nur mit Polizeieskorte passierbar. Darauf wollten sie mich lediglich hinweisen und meine Daten an die vorausliegenden Polizeistationen weitergeben. Mein „Anhalter“ war übrigens wirklich Polizist, und wenn er eine Uniform getragen hätte, wäre dort auch eine ganze Menge Lametta zusehen gewesen. Na gut. Eine Stunde später war ich wieder unterwegs und wollte es noch bis Besham schaffen. 20 km vor meinem Tagesziel stand dann die erste Eskorte an. Die Straße war vom Militär gesperrt. Auch wenn das Bild der vielen schwer bewaffneten Militärpolizisten sehr befremdlich auf mich wirkte, waren alle Beamten sehr freundlich und bemüht, schnellst möglich eine Eskorte für mich zu organisieren. 15 Minuten und einen Tee später sollte ich einem Auto bis Besham folgen. Die Jungs wussten zum Glück, wo sich das Gaspedal befand und kurze Zeit später waren wir da.

Ab Besham wird es landschaftlich schon interessanter. Immer dem Indus folgend, geht es tiefer in die Berge. Es war der Tag der Polizeieskorten. Auf den folgenden 170 Kilometern hatte ich 12 verschiedene Eskorten an meiner Seite. Immer zwei Polizisten auf einer 125ccm Honda.

Der Sozius war mit einer Maschinenpistole ausgerüstet. Aufgrund der Straßenqualität wedelte die Flinte meistens in alle Richtungen und ich entschied mich besser vor der Eskorte zufahren. Einer Eskorte ging unterwegs der Sprit aus und bei einer anderen hat der Sozius vergessen, sein Gewehr mitzunehmen. 🙂 Warum die Gegend zwischen Besham und Chilas angeblich so gefährlich ist, bleibt mir ein Rätsel. Es ist seltsam eskortiert zu werden und am Straßenrand winken einem die Menschen zu oder zeigen mit dem Daumen nach oben. Das passt nicht so recht zusammen. Die letzten Kilometer bis Chilas, konnte ich dann endlich wieder allein zurücklegen.

Am nächsten Morgen hat mir Teammitglied Nr. 1 den Start in den Tag mit einem Plattfuß, natürlich am Hinterrad, versüßt. Der 4. auf dieser Reise. Zum Glück war auf der anderen Straßenseite eine kleine Reifenbude, die das Problem schnell beheben konnte. Die Tagesetappe führte vorbei am Nangar Parbat (8126 m) hinein ins Hunza-Tal bis Karimabad. Die Landschaft ist wirklich einmalig und wunderschön. Der Straßenzustand auf dem KKH wechselt ständig zwischen ausgezeichnet und ganz übler Buckelpiste. Wie viele Kilometer am Tag wirklich möglich sind, ist dadurch nur sehr schwer einzuschätzen. Die Landschaft rechts und links vom Weg entschädigt allerdings für alle Strapazen.

 

In Karimabad wurde es Zeit für einen Ruhetag. Ich hatte mich hier mit Sanne & Mark verabredet, die eine Tagesetappe hinter mir auf dem KKH unterwegs waren. Kurz hinter Karimabad existiert zudem ein besonderes Hindernis. Im Januar 2010 brach ein gewaltiger Bergsturz ins Hunzatal und staut den Fluss seit dem auf einer Länge von 22 km auf. Der „natürliche“ Stausee ist bis zu 100 m tief und hat neben dem KKH, 4 Siedlungen unter sich begraben. Die Versorgung der Siedlungen nördlich des Stausees erfolgt mit Booten. Ein internationales Geologenteam untersucht den Staudamm und sucht nach Lösungen, die ein kontrolliertes Abfließen ermöglichen. Ich habe den freien Tag für eine Besichtigung genutzt. Die Ausmaße des Bergsturzes sind gewaltig. Da ist ein halber Berg einfach abgebrochen und ins Tal gefallen. Das Militär hat mit schwerem Gerät eine Piste über den Wall planiert. Der Weg führt in Serpentinen fast 200 Höhenmeter bergauf und auf der anderen Seite steil bergab zu den Booten. Einen richtigen Anleger sucht man vergeblich. Die KTM auf eines der Boote zu verladen wird auf jeden Fall richtig anstrengend.

Am nächsten Tag sind wir also zu dritt aufgebrochen, um den See gemeinsam zu meistern. Nach einer ausführlichen Besichtigung und langem Hin und Her haben wir uns gegen eine Überfahrt entschieden. Keine Frage, es ist definitiv möglich, ein Motorrad heil über den See zu schippern.

Mit meinem ursprünglichen Plan hätte ich dies auch irgendwie tun müssen, um nach China zu gelangen. Genug Helfer sind jedenfalls vor Ort, die sich als Träger ihr Geld verdienen und anpacken. Was uns letztendlich davon abgehalten hat, war die Tatsache, dass wir die ganze Tortur zwei Tage später auf dem Rückweg wieder zelebrieren müssten. Aufwand und Nutzen standen in keinem guten Verhältnis.  Auch wenn der KKH auf seinem letzten Stück bis zur chinesischen Grenze landschaftlich besonders reizvoll ist.

 

Sanne und Mark wollten noch ein paar Tage in Karimabad ausspannen, mich zog es weiter, das nächste Ziel heißt Islamabad. Auf dem Weg dorthin werde ich noch einen Abstecher in das Indus-Tal unternehmen und den KKH ein zweites mal genießen.

Salam Alaikum
icke

7 Gedanken zu „Unterwegs auf dem Karakorum-Highway

  1. Hallo Frank!
    Offensichtlich haben wir uns leider auf dem KKH verpasst. Ich bin am Mittwoch, 30.05., gegen 18:30 am Stausee angekommen. Die Polizisten dort wollten dann ein NOC von mir und haben mir erzählt, dass sie euch drei zurückgeschickt hätten, weil ihr ebenfalls keines hattet. Nach langem Hin und Her waren sie dann bereit mich passieren zu lassen, aber Boote gingen erst am nächsten Morgen wieder.
    Auf der anderen Seite musste ich zusammen mit 3 Trägern mein Motorrad und Gepäck über einen weiteren Erdrutsch tragen, was insgesamt ca. 1 Stunde gedauert hat, viel Schweiß gekostet hat und natürlich auch sonst nicht gratis war. In Sost hat mir der Manager des PTDC ebenfalls erzählt, dass ihr eure Buchung wieder storniert hattet. Bis dahin war mich mir nicht wirklich sicher, ob mir die Polizisten nicht irgendeine Geschichte aufgetischt hatten.
    Alles in allem habt ihr meiner Meinung nach die richtige Entscheidung getroffen, nicht auf die andere Seite des Stausees überzusetzen. Richtig toll fand ich die Landschaft erst auf der chinesischen Seite – dort dann aber absolut atemberaubend.
    Gute Fahrt und schöne Reise weiterhin!
    Kevin

    1. Auf dem Rückweg habe ich festgestellt, dass du am Vortag um 16.30 Uhr den letzten Polizeiposten vor Karimabad passiert hast. 🙂 Damit war klar, dass wir uns leider nicht treffen werden.

      Für die Daheimgebliebenen: Als Ausländer muss man auf dem KKH bei jedem Polizeiposten am Wegesrand (gefühlte 100) seine Personalien in ein Büchlein eintragen. Ich kann meine Pass- und Visanummer nun auswendig singen – sogar im Kanon!

      Von dem NOC (Bescheinigung, dass der Rest des Weges auf eigene Gefahr bestritten wird) habe ich an meinem Besichtigungstag am See erfahren und es mir in Karimabad beim Deputy Commissioner besorgt. Es gab wieder Teechen und er bat mich, über meine positiven Erfahrungen mit Pakistan in Deutschland zu berichten.

      Ride safe!
      Frank

  2. Hi Frankie!

    Toller Bericht & interessante Fotos!
    Freuen uns immer, von Dir und Deinen Erlebnissen zu lesen; insbesondere, dass
    es Dir gut geht! Klingt alles aufregend!
    Wir entspannen gerade spontan nocheinmal
    1 Woche in Vietnam und sind unserem Camping-Dasein in Shanghai entflohen.
    Haben Saigon erkundet und relaxen nun in
    Nha Trang am Strand.
    Asien gruesst Asien, Silke & Christian

  3. Geil, geil, jetzt wird es langsam richtig spannend.
    Und danke Frank, ich habe wieder sehr gelacht!

    Gute Fahrt weiterhin!

  4. Hi Frankie,
    das klingt wirklich sehr spannend und so fern ab von dem was man sonst auf seinen Reisen erlebt.
    Wir haben aber dennoch großes vor, übermorgen lösen wir mein
    Geburtstagsgeschenk ein. Konzert bei den Ärzten in Leipzig, sprich
    Punk Rock und Kultur in einem, was will man mehr.. Wir werden
    berichten und beim nächsten Mal biste wieder dabei.
    Lieben Gruß, Katrin & Helge

  5. ´Hallo Frank,
    auch von uns mal wieder ein Lebenszeichen…..natürlich verbringen wir immer noch jede freie Minute um Deine tollen Berichte zu lesen…. aber diese Zeit ist rar geworden, denn unsere wilden Tiere die kleinen Kätzchen ( wir heben natürlich für Dich eins auf) halten uns auf Trab…. bei den Ärzten waren wir auch aber in Berlin….und jetzt gehen unsere Urlaubsvorbereitungen los. 3 Wochen noch und dann ab in die Rocky Mountains CANADA. So nun müssen wir uns für das erste Deutsche EM Spiel vorbereiten und sagen Tschüß….Katrin , Babse und Thilo

  6. ich machs mir mal leicht und fühge den allgemein beliebten Facebookkommentar „I LIKE“ ein 🙂
    LG die liebste Lieblingsnichte aus Dresden

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