Kleine Balkanrunde: Teil 1

Nach Istanbul ging es in fünf Tagen quer durch Griechenland. Neue Reifen besorgen, ein bisschen durch den bergigen Norden cruisen und weiter nach Albanien, war der Plan. Mit dem Reifenhändler in Komotini stand ich bereits seit Istanbul per Email im Kontakt. Leider war meine Serienbereifung nicht aufzutreiben, aber ein anderer Reifen für Großenduros vom selben Hersteller war verfügbar. Der Geschwindigkeitsindex stimmte auch – langsam muss ich ja wieder auf die europäischen Normen achten – also rauf damit. Soweit so gut. An diesem Tag bin ich nur noch ein paar Kilometer gefahren. Ansonsten wäre mir vielleicht die Sache mit dem Blei gleich aufgefallen. Am folgenden Tag stellte ich jedenfalls bei höheren Geschwindigkeiten heftigstes Lenkerflattern fest. Ich dachte anfangs an einen Plattfuß oder ein Lagerschaden am Vorderrad. Als ich es mir genauer angesehen habe, war ziemlich schnell klar, dass ich ein Blei-Problem hatte und nichts anderes. In der Werkstatt wurde mir beim Auswuchten so viel Blei an die Felge geklemmt, dass es garantiert Auswirkung auf den Weltmarktpreis haben wird. Das kann nicht passen. Völlig unverständlich, dass eine Werkstatt so etwas abliefern kann. Die nächste Station war also wieder ein Städtchen mit einem Reifenservice. Der Meister – selbst Motorradfahrer – musste schon etwas schmunzeln, als er den Haufen Schwermetall an meinem Rad sah. Nur aus Interesse haben wir am unveränderten Rad eine Wuchtmessung vorgenommen. „Error!“ – war die Antwort der Maschine. Genau so hat sich die Fuhre auch auf der Straße angefühlt. Das ganze Blei runter, neu gemessen, ein paar Gramm wieder dran und auf der Probefahrt saß ich quasi auf einem anderen Motorrad. Geht doch! Nun war ich bereit für Albanien.

Der Grenzübergang ganz im Süden des Landes ist wenig frequentiert und so war ich in wenigen Minuten mit allen Formalitäten durch. Das Erste, was man über Albanien liest oder hört, ist eigentlich immer das Gleiche. „Oh man, was sind die Straßen schlecht!“ Ich konnte mich an meinem ersten Tag nur wundern. Eine Traumstraße führte direkt an der Küste entlang in den Norden. Die Piste schraubte sich in unzähligen Kurven die Berge hinauf und immer wieder zum Meer herunter. Das Ganze bei nagelneuem Asphalt und wenig Verkehr. Und am Abend konnte ich feststellen, dass die Albaner auch in ihrer Küche mit Fisch umgehen können – ein perfekter Tag!

Am folgenden Tag, auf dem Weg nach Berat, einem kleinen Osmanen Städtchen, durfte ich die schlechten Straßen kennenlernen. Man, man, man, lange Federwege sind da schon von Vorteil. Der albanische Autofahrer steht übrigens auf deutsche Autos und besonders auf die, mit einem Stern. Alter, Laufleistung, technischer Zustand, Farbe? Alles egal, wenn da ein Stern auf der Haube thront. Und es werden reichlich Fahrwerksoptimierungen vorgenommen. Schön tief muss es sein. Entweder direkt, durch Tuning oder indirekt, durch brutales Überladen des Gefährts. Diese Maßnahmen senken das Stundenmittel auf den löchrigen Pisten auf atemberaubende 30 km/h, da jedes Schlagloch mit einer Vollbremsung fast bis zum Stillstand begrüßt wird. Zum Glück sind die Entfernungen in diesem kleinen Land nicht allzu groß.

Berat ist ganz schön. Vollgestellt mit alten Häusern aus der Zeit der Osmanen präsentiert sich das Städtchen als 1A-Postkartenmotiv und gehört zu den besterhaltensten Sehenswürdigkeiten in Albanien. 

Nach Berat war Tirana, die Hauptstadt, an der Reihe. Klein aber fein kann ich nur sagen. Viele Sehenswürdigkeiten gibt es nicht, was aber durch eine ausgesprochen gute Café- und Restaurantkultur ausgeglichenen wird. Das Leben auf den Straßen plätschert so dahin, Stress kommt hier wirklich nicht auf. Zwei Tage reichen voll und ganz für die Stadt und so ging es weiter nach Pristina (Kosovo).

Kosovo ist politisch ein schwieriges Pflaster. Vor 4 Jahren erklärte das Land seine Unabhängigkeit von Serbien, die von den EU-Staaten und vielen anderen anerkannt wurde. Von Serbien aber bis heute nicht. Die Wirtschaft liegt brach, die Arbeitslosigkeit bei fast 50% und Investoren halten sich aufgrund der unklaren Verhältnisse vornehm zurück. Ohne Hilfe von außen kann das Land nicht existieren. Kosovo ist reich an Bodenschätzen – das könnte ein wichtiger Wirtschaftsfaktor der Zukunft sein. Die EU hat mit EULEX ein Großprojekt laufen, mit dem Ziel, Demokratie und Rechtsstrukturen aufzubauen. Pristina, die selbst ernannte Hauptstadt, versucht gerade den Wandel von einer bedeutungslosen Stadt hin zu einer richtigen Hauptstadt. Das ist noch ein weiter Weg. Einzig in den vielen Restaurants der Stadt kommt etwas internationales Großstadtflair auf, wenn die Mitarbeiter von EU, KFOR oder OSZE zum Kaffeekränzchen bitten.  Richtig spaßig wurde es sogar, als ich versuchte, eine Straßenkarte von Serbien zu kaufen. Die verständnislosen Blicke gab es gratis eine Karte aber für kein Geld der Welt. Einen Stadtplan von Berlin, London oder Barcelona hätte ich in jedem zweiten Buchladen erstehen können. Der Nachbar, nur 50 Kilometer entfernt, fehlte dafür zuverlässig in jedem Sortiment. Hm… Aus Sicht eines Touristen fehlt mir der Grund, noch einmal wiederzukommen. Die Landschaft im Kosovo ist schön, ähnelt aber der albanischen sehr. Albanien punktet zudem noch mit der Adria vor der Haustür. Der Tag startet mit einer lockeren Tagestour durch die albanischen Alpen und endet mit einem Bad in der Adria. So sieht der Plan für einen weiteren Besuch von Albanien für mich aus.

 

Also ging es orientierungslos auf in Richtung Serbien. Die Grenze ist etwas verwirrend. Für Kosovo ist es ein offizieller Grenzübergang, für Serbien ein, ja sagen wir mal ein Polizeicheckpoint mitten im Land. Dafür war es aber richtig voll, mit langen Schlangen auf beiden Seiten. Indien war eine gute Schule in Sachen Vordrängeln. Also bin ich schön langsam an allen Autos vorbeigetuckert, bis nach ganz vorn. Begleitet, durch vereinzeltes Hupen hier und unverständliche Ausrufe dort. Am Schlagbaum winkte mich ein Officer zu sich, prüfte meine Papiere und ich konnte weiter. Auf serbischer Seite das gleiche Spiel. Der Officer dort sagte mir:
„Ich habe Sie beobachtet. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie ohne Zwischenfall an all den Autos vorbeikommen.“
„Ich auch nicht!“, antwortete ich ihm, worauf er mir lachend meine Papiere wiedergab und einen schönen Tag und guten Weg wünschte.

Das Tagesziel hieß Kragujevac in Zentralserbien. Die Gelegenheit war günstig, hier zwei Kollegen aus meinem letzten Projekt zu besuchen. Leider hatte nur einer der beiden Zeit für mich. Der andere Kollege steckte mitten in den letzten Vorbereitungen für den Familienurlaub, der am folgenden Tag losgehen sollte. Gavrilos Gastfreundschaft kannte keine Grenzen. Unterbringung im familieneigenen möblierten Apartment, Tiefgaragenplatz für die KTM und alles in einer top Lage mit nur 3 Minuten Fußweg zum Zentrum. Seine Frau und sein Kind haben ihn in den zwei Tagen auch nicht so oft gesehen. Im Ergebnis dieser beiden Tage bin ich gestern ziemlich angematscht nach Belgrad aufgebrochen. Der Helm zu eng, die Sonne zu hell, der Bock zu laut und irgendwie wollte sich keine Kurve richtig anfahren lassen. Die 40 Grad von oben haben die Tour auch nicht angenehmer gestaltet. Zum Glück waren nicht vielmehr als 100 Kilometer zu fahren. Ich glaube, einer der Cevapcici, die wir gegen 4 Uhr in der Früh – nach diversen Klubs – noch essen mussten, war nicht gut. 🙂 Danke Gavrilo, das waren zwei sehr schöne Tage! Jetzt erhole ich mich erst einmal in Belgrad und danach geht es weiter nach Sarajevo.

Go for gold!
icke

Ein Gedanke zu „Kleine Balkanrunde: Teil 1

  1. 4/15: Vor mir am Pool steht eine malerische Alte.
    8/15: Wirklich beeindruckende Fahnen-Aufkleber Sammlung.

    So einen 190er wie vor der Kastrierungstanke hatte ich auch mal…

    Solong GJ

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