Kleine Balkanrunde: Teil 2

Habe ich nicht alles für sie getan? Nach dem harten Ritt durch Asien gab es eine Wellnesskur in Istanbul bei ATAMoto. Danach durfte sie zwei Tage in einer Kneipe in Tirana verbringen. Und nun das!

Es wurde auch fast schon langweilig. Nur so vor sich hin Reisen, ohne irgendwelche Probleme. Naja, es ist nicht kritisch aber auf jeden Fall nicht schön. Eine Ölspur quer durch Europa ziehen, geht gar nicht.

In Belgrad angekommen habe ich das anvisierte Hotel sofort gefunden und war ganz froh darüber. Belgrad wird selten als schön beschrieben. Zwischen alten, ehrwürdigen Gebäuden stehen immer wieder die Bausünden aus der sozialistischen Vergangenheit. Die Stadt ist heiß, laut, hektisch aber irgendwie auch cool. Mir hat sie gefallen. Eine ausgesprochen gute Clubszene soll es hier auch geben. Kennengelernt habe ich sie nicht – nach Kragejuvac wurde das Kapitel „Entertainment“ im Reiseführer, von mir ganz schnell überblättert. Neben der riesigen Zitadelle, direkt an der Kreuzung der beiden Flüsse Sava und Danube gelegen, ist die Altstadt sehr sehenswert. Hier haben die Osmanen und später die Habsburger ihre Spuren hinterlassen. Muss man sich Belgrad anschauen? Es gibt in Europa sicherlich attraktivere Ziele für einen Städtetrip. Wenn man allerdings eh schon in der Nähe ist, würde ich nicht daran vorbeifahren. Das Ölleck an der KTM habe ich erst einmal unter Beobachtung gestellt. Ab jetzt gab es eine Windel beim Parken.

 

So! Es wurde mal wieder Zeit, das Land zu wechseln. Das Hauptstadtkarussell drehte sich weiter. Nach Tirana, Pristina und Belgrad ging es nun nach Sarajevo, die 4. Hauptstadt in 2 Wochen. Der Grenzübertritt von Serbien nach Bosnien-Herzegowina verlief in Rekordzeit. Nach gefühlten zwei Minuten war ich mit beiden Seiten durch. Sehr schön! Von Sarajevo habe ich das erste Mal während der Olympischen Winterspiele 1984 gehört. Anfang der 90’ er Jahre war die Stadt durch Kriegsberichterstattungen wieder in den Medien präsent. Bono(U2) und Pavarotti haben das humanitäre Desaster der fast vierjährigen Belagerung der Stadt, eindrucksvoll im Song „Miss Sarajevo“ manifestiert.

Heute ist von den Folgen des Krieges zum Glück kaum noch etwas sichtbar. Die Stadt ist wirklich eine Perle mit einer wunderschönen Altstadt. Kaffeehäuser, Basare, Boutiquen – hier eine Moschee, dort eine Kirche. Die Stadt macht Spaß. Nur in eine Touristenfalle bin ich doch getappt. Es gibt da nämlich so ein Restaurant. Sarajevo ist ringsherum von Hügeln und Bergen umgeben und auf einem der Hügel steht dieses Restaurant. Einen herrlichen Ausblick auf die Stadt soll man von dort oben haben. Aha. Bill Clinton und Bono waren auch schon dort. Hm… Nach dem letzten Satz haben zwar die Alarmglocken geschrillt, besucht habe ich die Lokalität trotzdem. Ich habe mich nicht für den Bus entschieden, sondern bin hochgelaufen. Bewegung kann ja nie schaden. Im Restaurant angekommen wurde ich mit einem wirklich wunderschönen Ausblick auf die Stadt belohnt. Das Restaurant… Ich hätte, nachdem ich mit dem Knipsen fertig war, wieder gehen sollen. Das Personal war lahm und der Espresso hatte ungefähr die Temperatur vom Apfelstrudel. Letzterer war, wie in der Karte angekündigt, lauwarm und wirklich sehr gut. Preislich ist das Menü anscheinend auf das Jahreseinkommen der beiden prominenten Besucher abgestimmt. Dadurch ist sichergestellt, dass wirklich kein Einheimischer die Touristen beim Mampfen stört. Naja, wie gesagt, die Alarmglocken hatten geschrillt.

 

Der Abschied fiel schwer, aber nach Sarajevo ging es weiter nach Mostar. Noch so eine Perle. Oder besser gesagt, wieder eine Perle. Im Bosnienkrieg verlief die Frontlinie mitten durch die Stadt.

Nach zwei Jahren war nichts mehr da, um das es sich hätte zu kämpfen gelohnt. Die Stadt wurde mit Dresden nach dem 2. Weltkrieg verglichen. Bekannt ist Mostar eigentlich durch die berühmte Steinbogenbrücke „Stari most“ und das Altstadtviertel drum herum. 1566 wurde die Brücke von den Osmanen gebaut und galt mit ihren Ausmaßen als ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Zudem hat sie seit jeher eine große Symbolkraft als Verbindung zwischen den Kulturen – dem muslimischen Osten und katholischen Westen der Stadt. Sie überstand zwei Weltkriege, den Bosnienkrieg nicht. Kurz nach dem Krieg begann der Wiederaufbau, gefördert durch UNESCO, Weltbank, die Türkei und 60 weiteren Nationen. Soweit es möglich war, wurden die alten Steinquader aus dem Fluss geborgen und wiederverwendet. Fehlende Steine wurden aus dem gleichen Steinbruch von 1566 herangeschafft und mit den Technologien der damaligen Zeit bearbeitet. Was für ein Aufwand. Er hat sich gelohnt!

 

Beim Betrachten der Bilder muss man im Hinterkopf haben, dass hier eigentlich nur Neubauten zusehen sind. Unglaublich.

Die Brücke hat seit vielen Jahren noch eine zweite wichtige Funktion. Hier wird Hochleistungssport betrieben. Es ist eine lange Tradition, dass die jungen Männer des Ortes im Werben um die Liebste von der Brücke springen – als Mutprobe und natürlich nur, wenn die Liebste in Sichtweite ist. Hier die technischen Rahmenbedingungen:

Absprunghöhe über Wasserspiegel: 21,5m
Wassertiefe im Sommer: 5 bis 5,5 m
Wassertemperatur im Sommer: 10-13 °C

Der erste Sprung soll im 16. Jahrhundert gewesen sein. Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass er freiwillig vonstattenging. Wie auch immer. Seit dem wird gesprungen. Und seit 1967 finden sogar jährliche Meisterschaften statt. In diesem Jahr waren 400 Wahnsinnige aus der ganzen Welt am Start. Mit zunehmendem Tourismus wurde das Geschäftspotenzial erkannt und nun springen eine Handvoll Männer den ganzen Sommer täglich von der Brücke. Das Geschäft läuft so: „Adonis 1“ (gut trainiert, sonnengebräunt, leicht eingeölt, mit knapper Badehose bekleidet) steht absprungbereit, sich leicht stretchend auf der Brücke. Allein für diesen Anblick hätte die Hälfte der weiblichen Touristen bereits ein Monatsgehalt hingeblättert. Bei einigen Pärchen war hier die Krise vorprogrammiert.

Sie: Ohhh, schau mal dort. Ich glaube der will springen.
Er:  Hmmmm…..
Sie: Ich mach mal ein Foto.
Er:  Was gibt es denn da zu knipsen?
Sie: Nun sei doch nicht so.
Er:  Können wir jetzt weiter gehen?
Sie: Nun warte doch mal.
Und so weiter und so fort …

So oder so ähnlich habe ich es in mindestens fünf Sprachen miterlebt. Ich habe sie zwar nicht verstanden, die Tonlage und der Gesichtsausdruck gaben mir aber Gewissheit, dass der Dialog genau so ablief. Herrlich! Also, wenn man nicht gerade den männlichen Part in diesem Rollenspiel innehat. 🙂

Zurück zum Geschäft. Sein Kumpel, „Adonis 2“, geht mit dem Klingelbeutel über die Brücke und sammelt Geld für den Sprung ein. Nun springt der Maniac aber nicht für 5 €. Die Zeiten sind lange vorbei. Also wurde gesammelt und gesammelt und gesammelt. Für mich blieb genug Zeit die Brücke zu verlassen, mich zum Aussichtspunkt unten am Fluss zu begeben und mir einen Sonnenbrand zu holen. Die Krux an der Sache ist ohne hin, dass die zahlende Kundschaft den ungünstigsten Blickwinkel auf das Spektakel hat. Von dort oben sieht man so gut wie nichts von dem Sprung. Egal. Nach 20 Minuten stretchte sich „Adonis 1“ immer noch, unterbrochen mit einigen angetäuschten Absprüngen. Nach einer halben Stunde bestand ernsthafte Gefahr, dass der Hasardeur von einem, der mittlerweile komplett genervten und durstigen Ehemänner, heruntergestoßen wird. Diese „bad vibrations“ muss er gespürt haben, denn er sprang endlich ab! Nach dem ganzen Theater habe ich ja einen Kopfsprung im Schwalbenstil erwartet. Der kam nicht, aber es war trotzdem beeindruckend.

 

Mal Spaß beiseite. Ich habe große Hochachtung vor den Jungs. Die Höhe ist wirklich beängstigend. Über die anderen Faktoren, wie Aufprallgeschwindigkeit, Wassertemperatur und geringe Wassertiefe, möchte ich lieber nicht nachdenken. Ich ziehe meinen Hut.

Jump on!
icke

2 Gedanken zu „Kleine Balkanrunde: Teil 2

  1. Hi Frank, wir sehen Du kommst Berlin immer näher und da uns Dein Wissen in Sachen Erdkunde und vor allem Weltgeschichte so sehr beeindruckt, werden wir Dich mal schon beim Günter Jauch anmelden. Die Million hast Du dann sicher :-). Wir hoffen Team – Mitglied Nr.1 hat sich wieder erholt von der Diarrhoe.

    Viele Grüße Katrin und Thilo

  2. Hallo Frank,

    ich sehe du bist auf der Höhe von Prag. Jetzt westlich halten und zum fakturieren bis nach Frankfurt durchfahren. Details folgen.

    Grüße,
    Oliver

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